Donnerstag, 13. Februar 2014
Unwort
Unwort
Viele der heute gebräuchlichen Wörter waren in meiner Kindheit weder im mündlichen Sprachgebrauch üblich noch wurden sie verschriftlicht (oder ultraneuzeitlich verschriftet), man wagte sie noch nicht einmal anzudenken. Welchem Umstand dies geschuldet ist, man (frau) weiß es nicht. Ich vermute jedoch, dass auch unsere Sprache evolutioniert (ups, das ist jetzt premierig – soll heißen sich höher(?) entwickelt. Schließlich muss sie auch mit der immer rasanteren – v. a. technischen – Entwicklung Schritt halten können. Von den vielen eingedeutschten Anglizismen und Deutsch-deutschen Wörtern, die in der Originalsprache oft eine ganz andere (oder gar keine?) Bedeutung haben, will ich jetzt gar nicht reden, auch nicht am Mobile oder Handy, wie es hierzulande heißt. Die neu- und umgedeutschen, gechangten Wörter, die viel umständliches Gelabere ersparen, meine ich. Die zum Ausdruck bringen, was vormals mindestens einen ganzen Satz erforderte, und damit nichts mehr verunmöglichen – alles kann gesagt werden (sofern kein Tabu). Never ever möchte ich als Spaßbremse gelten. Das Kreieren neuer Wörter, die vielleicht schon in Bälde zumindest als waschsalonfähig durchgehen, ist cool, um nicht zu sagen (leider) geil. Am Ende des Tages wird das eine oder andere eventuell zum Wort des Jahres gekürt – oder zum Unwort. Womit ich – nicht ganz easy – beim Thema angelangt wäre. Unglück, Undank, Unsinn… - die Vorsilbe Un verweist oft auf etwas Fehlendes: das Fehlen von Glück, das Fehlen von Dank, das Fehlen von Sinn… Anders beim Wort „Unwort“. Obwohl Unwort genannt, fehlt genau kein Wort. Konnten bislang vorwiegend Personen als „persona non grata“ in Ungnade fallen, ohne deswegen schon zu Unpersonen oder gar Unmenschen zu werden, sind es neuerdings Wörter, an denen sich die Gemüter erhitzen. Political correctness or not ist hier nicht die alleinige Frage, sondern wie sehr sie (diese Wörter) nerven bzw. auf den (Zeit)Geist gehen oder Schluss mit lustig machen. Oder Menschen degradieren.
Ich habe vor kurzem mein Unwort forever gefunden. Das heißt, es hat sich mir aufgedrängt, und zwar beim Lesen einer Analyse der neuesten Pisaergebnisse. Da war von Risikoschülern die Rede. Gemeint waren jene SchülerInnen mit Migrationshintergrund, die – der deutschen Sprache nicht mächtig – zum wiederholten Mal einen Spitzenplatz im internationalen Ranking verunmöglicht haben. Die unseren Ruf als Bildungsland ruinieren und unsere wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit gefährden.
Zwei solcher ehemaligen „Risikoschüler“ sind mir unlängst begegnet, als ich meinen ersten Schitag in dieser Saison mit den falschen, weil alten Schischuhen bindungsinkompatibel begehen wollte. Problem erst auf der Bergstation gecheckt, mit der Gondel zurück ins Tal, geradewegs zum Sportgeschäft, Leihschi – ein teurer Spaß zu vorgerückter Stunde. Zu meinem Glück habe ich eine Saisonkarte mit inkludiertem Halbtags-Leihschi-Gutschein. Zu meinem Unglück hatte ich diesen daheim vergessen. No problem, das nächste Mal nachbringen. Sofort-Service, ohne Aufpreis – der Halbtag war länger als halb. Wahrlich nicht konkurrenz- dafür aber kooperationsfähig waren die beiden (prekär?) Beschäftigten, Christo (nomen est omen?) und Vladimir, „Retter“ meines Skitages. Unkompliziert, unbürokratisch, freundlich, vertrauensvoll und kompetent. Ein zumutbares „Risiko“.
Ich bevorzuge Persönlichkeitswachstum gegenüber Wirtschaftswachstum, möchte lieber Kooperation statt Pisa und Vertrauen statt Unwörtern, die Menschen als Risiko einstufen. Aber so was von!

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